Henri-Nannen-Schule Bewerbung
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Die Geburt der Henri-Nannen-Schule
von Wolf Schneider

Es geschah 1978, dass Henri Nannen, noch Chefredakteur des Stern, und Manfred Fischer, Vorstandsvorsitzender von Gruner+Jahr, die Idee ausheckten, eine Journalistenschule ins Leben zu rufen: Das Geld haben wir, ein Zeichen setzen wollen wir; auch sollten wir versuchen, den Nachwuchs für unsere Zeitschriften selbst heranzubilden, statt ihn von fremden Redaktionen abwerben zu müssen. Vor allem aber wollen wir eine Ausbildung anbieten, die gründlicher und umfassender ist als in den Redaktionen und praxisnäher als an den Universitäten. Dr. Adrian Schickler, Vorstandsmitglied für Finanzen, übernahm die juristische und technische Vorbereitung; an Henri Nannen war es, den Schulleiter zu finden.

Nannen und ich hatten uns viereinhalb Jahre lang fruchtbar und fröhlich gestritten: ich erst als Chef vom Dienst unter ihm, dann als Verlagsleiter neben ihm. Und ich war zu haben: als Chefredakteur der Welt im Hause Springer kaltgestellt, nachdem ich einen deftigen Kommentar gegen den chilenischen Diktator Pinochet zum Druck freigegeben hatte, wohl wissend, dass Axel Springer Pinochet mochte (wie auch Franco, Salazar und die griechischen Obristen).

Nannen, Fischer und ich wurden uns rasch einig: Die Schule soll zum ersten eine Einübung in den real existierenden Journalismus vornehmen, damit die Schüler sich schon in ihrem ersten Praktikum mit nichts blamieren und sich über nichts wundern - anders also als jene deutsche Universität, die sich des Praxisbezugs ihres Journalismusstudiums rühmte, weil die Schüler nach 14 Monaten in die Praxis mussten; dort freilich erlitten sie einen Schock. Und was folgerte die Universität daraus - das Studium ändern? Nein: Magisterarbeiten über den Praxisschock schreiben lassen.

Zum zweiten aber sollte die Schule versuchen, einen besseren Journalismus als den großenteils praktizierten zu lehren - einen, der seine beiden königlichen Aufgaben erfüllen kann: die Bürger zu informieren und den Mächtigen auf die Finger zu sehen.

Zu dieser klaren Zielvorgabe traten zwei weitere Elemente, über die Nannen, Fischer und ich uns ohne Debatte einig waren: Als Dozenten werden ausschließlich praktizierende Journalisten eingesetzt, und die Schule ist eine Schule und keine Universität; es herrscht also Präsenzpflicht, der Schulleiter ist zugleich der Disziplinarvorgesetzte, und die Schüler haben Anspruch darauf, in ihren anderthalb Jahren alles zu lernen, was sich bei höchster Arbeitsintensität in anderthalb Jahren lehren lässt. Daraus folgte, dass mancher Schüler, frisch von der Universität gekommen, einen Schul-Schock erlitt - einen Praxisschock aber nicht einer.

Für die erste Auswahlprüfung im Dezember 1978 und für den 1. Lehrgang, der am 2. April 1979 begann, hatte Jürgen Frohner seine Erfahrungen und Stundenpläne als Leiter der seit 1949 erfolgreich tätigen Deutschen Journalistenschule in München zur Verfügung gestellt. Ich selbst hatte als Redakteur der Süddeutschen Zeitung (1956–1966) auch schon an ihr unterrichtet und dem Prüfungsgremium angehört.

Beim 1. Lehrgang - und nur bei ihm - hatte die Schule mit einem technischen Problem zu kämpfen: Erst nach einiger Mühe ließen sich genügend Plätze für das erste Praktikum finden, das nach guter alter Sitte in der Tageszeitung stattfinden sollte: Bei Gruner+Jahr erschien ja noch keine, die Schule war unerprobt, und was sollte das Zeitschriftenhaus vom Zeitungsjournalismus verstehen!

Schon beim 2. Lehrgang war das Zeitungspraktikum kein Engpaß mehr: Die Redaktionen hatten die Praxisnähe und die Härte der Ausbildung honoriert; dabei wohl auch die Pflege der "Sekundärtugenden", die Oskar Lafontaine verspottet hat, ohne die aber eine Zeitung nicht erscheinen kann: Verlässlichkeit auf die Minute und auf die Zeile.

1983, zu Henri Nannens 70. Geburtstag, wurde der Hamburger Journalistenschule der Ober- und Ehrentitel "Henri-Nannen-Schule" verliehen. Dass Nannen dies als Ehrung verstand, war wiederum eine Ehre für die Schule. Ich legte 1995, kurz vor meinem 70. Geburtstag, nach 16 Jahren die Schulleitung nieder und gab sie weiter an Ingrid Kolb.

Wolf Schneider (78) lebt seit 1995 auf Mallorca. Er ist weiter aktiv als Journalist und Sachbuch-Autor und unterrichtet an fünf Journalistenschulen

 


Henri-Nannen-Journalistenschule – 20444 Hamburg
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